Podcast: Die Bank of Japan wirkt

 

Kippt der Yen Carry-Trade?

Am 4. Mai haben wir geschrieben: USDJPY 140 ist aktuell die wichtigste Zahl der Welt.

Nicht weil 140 irgendeine magische Chartmarke wäre. Sondern weil an dieser Achse entschieden wird, ob aus einer Bewegung im Yen ein globales Liquiditätsereignis wird. Damals war unsere These klar: Die Gefahrenzone beginnt nicht erst bei 140. Sie beginnt dort, wo der Markt begreift, dass 140 erreichbar wird.

Im Podcast gibt es eine persönliche Anmerkung zum verbreiten offensichtlicher Fake-News vieler sogenannter Experten, Börsen-Gurus u.ä. Gedöns (wie es Alt-Kanzler Gerhard Schröder mal so schön nannte).

Am 4. September folgte der nächste Schritt.
„Die Spekulanten werden sich die Finger verbrennen.“

Die Bank of Japan hatte ihre Strategie verändert. Nicht mehr nur Milliarden in den Markt werfen, den Yen nach oben schlagen und anschließend dabei zusehen, wie die Spekulanten nach einigen Tagen wieder in denselben Trade zurückkehren.

Diesmal ging es um etwas anderes.
Der Markt soll unsicher sein. Das ist der entscheidende Unterschied.

Rate Checks. Unterschiedliche Accounts. Schläge an technischen Marken. Eine bewusst falsch gesetzte Fährte am 61,8%-Retracement. Und vor allem die permanente Frage für jeden Yen-Short: War das gerade echte Intervention? War es nur ein Rate Check? Hat jemand seine Position reduziert? Läuft bereits neues Volumen? Kommt der nächste Schlag?

Die eigentliche Idee dahinter hatten wir ebenfalls klar formuliert:
Denn sobald der Markt beginnt, Yen zu kaufen, weil er Angst davor hat, dass die BOJ Yen kaufen wird, arbeitet er für die BOJ.
Seit dem 9. September bekommt dieser Satz eine neue Qualität.

Inhalt:

  • Genau das wollte die BOJ erreichen
  • Aus dem Yen-Short wird ein Yen-Long
  • Die Grundlage verändert sich
  • 103 Milliarden Dollar sitzen auf der falschen Seite
  • Die wichtigste Veränderung findet vor dem eigentlichen Unwind statt
  • Wenn freiwilliges Verkaufen aufhört
  • Der Markt hat die Unsicherheit verstanden
  • Die Zinsdifferenz arbeitet nicht mehr nur für die Spekulanten
  • Japanisches Geld muss nicht mehr zwingend ins Ausland
  • Die 4-Billionen-Dollar-Frage bleibt
  • Dann kommen die US-Treasuries
  • Der Unterschied zu früher
  • Von 153 über 142 bis 140
  • Die Bank of Japan wirkt
  • Kippt der Yen Carry-Trade?
  • Und am Ende sitzen plötzlich zwei im selben Boot

 

Denn jetzt beginnen die ersten Hedgefonds bereits auf einen stärkeren Yen zu wetten.
Die Spekulanten beginnen zu drehen.
Und zwar nicht zuerst gegen amerikanische Aktien, nicht zuerst gegen Treasuries und nicht gegen irgendein anderes Asset, das irgendwann einmal mit billig geliehenen Yen gekauft wurde.

Sie greifen eine Ebene tiefer an.
Sie drehen gegen die Grundlage des Carry-Trades selbst: den JPY.

 

Genau das wollte die BOJ erreichen

Der klassische Yen Carry-Trade funktioniert nur, solange mehrere Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind.

Japanisches Geld muss billig sein. Die Zinsdifferenz zum Ausland muss groß genug bleiben. Der Yen darf nicht dauerhaft aufwerten. Und die Volatilität muss niedrig genug sein, damit der Finanzierungsvorteil nicht vom Wechselkurs aufgefressen wird.

Über Jahrzehnte war genau das die japanische Maschine.
Yen billig aufnehmen. Yen verkaufen. Dollar oder eine andere Hochzinswährung kaufen. Das Kapital in Treasuries, Aktien, Unternehmensanleihen oder andere Risikoanlagen schieben. Die Zinsdifferenz kassieren und zusätzlich davon profitieren, wenn der Yen weiter fällt.

Der Trade funktionierte so lange, dass er für große Teile des Marktes irgendwann nicht mehr wie ein Trade aussah.
Er sah aus wie eine Naturkonstante.
Genau das ist das Problem.
Denn jetzt verändert sich nicht irgendein Randparameter dieses Systems.

Die Grundlage verändert sich.
Die Bank of Japan hebt die Zinsen an. Der Markt erwartet weitere Zinsschritte. Japanische Anleiherenditen steigen. Gleichzeitig beginnt der Yen aufzuwerten.
Der Carry-Trade bekommt damit genau die Kombination, die er am wenigsten verträgt:
Die Finanzierung wird teurer.
Und die Finanzierungswährung steigt.
Aus einer scheinbar komfortablen Zinsdifferenz wird plötzlich ein Währungsrisiko mit Hebel.

 

Aus dem Yen-Short wird ein Yen-Long

Bislang war die reflexive Bewegung einfach.
Je schwächer der Yen wurde, desto attraktiver wurde es, Yen zu leihen und zu verkaufen. Je mehr Yen verkauft wurden, desto schwächer wurde der Yen. Und je schwächer er wurde, desto besser sah der Trade rückblickend aus.

Ein selbstverstärkender Mechanismus.
Jetzt beginnt sich genau dieser Mechanismus umzudrehen.
Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht, dass einzelne Fonds ihre Yen-Shorts reduzieren.
Das wäre normal.
Entscheidend ist, dass erste Hedgefonds beginnen, auf der anderen Seite zu stehen.
Sie sichern nicht mehr nur bestehende Shortpositionen ab.

Sie beginnen auf einen stärkeren Yen zu wetten.
Damit verändert sich die Marktstruktur.
Denn ab diesem Moment besteht der Yen-Kauf nicht mehr nur aus Intervention, Stop-Losses und nervösen Short-Eindeckungen.
Es kommt echtes spekulatives Kapital auf die Long-Seite.

Und genau das ist der Moment, an dem aus der Strategie der BOJ etwas wesentlich Größeres werden kann.
Die BOJ muss den Markt nicht mehr allein bewegen.
Sie muss lediglich dafür sorgen, dass genügend Marktteilnehmer glauben, auf der anderen Seite des Trades liege inzwischen das bessere Chance-Risiko-Verhältnis.
Dann beginnt der Markt, den Rest selbst zu erledigen.

 

103 Milliarden Dollar sitzen auf der falschen Seite

Noch immer stehen massive Shortpositionen gegen den Yen.
Die Größenordnung liegt bei rund 103 Milliarden Dollar beziehungsweise ungefähr 17 Billionen Yen.
Das ist nicht nur eine Zahl.
Das ist potenzieller zukünftiger Yen-Kauf.
Denn jeder Yen-Short muss irgendwann geschlossen werden.
Solange der Yen fällt, ist das problemlos. Der Händler kauft die Währung später billiger zurück, zahlt seinen Kredit zurück und kassiert die Differenz.
Steigt der Yen jedoch schnell genug, verändert sich die Mechanik.
Dann wird aus einem freiwilligen Rückkauf irgendwann ein erzwungener Rückkauf.
Und genau dort beginnt die interessante Zone.

JPMorgan sieht bei einem deutlicheren Bruch unter USDJPY 155 die Gefahr, dass das Eindecken der Shortpositionen beschleunigt wird.

Am 9. September stehen wir bereits bei 153. Die von JPMorgan markierte 155er-Schwelle ist also nicht mehr irgendeine Marke vor uns. Wir sind bereits durch.

In einem vollständigen Unwind-Szenario liegt die von JPMorgan genannte Zone bei ungefähr 142 bis 146. Damit bekommt auch unsere alte 140er-Marke eine neue Aktualität. Nicht weil der Markt heute bereits bei 140 stehen müsste. Sondern weil die Strecke dorthin plötzlich nicht mehr theoretisch aussieht.

Das Entscheidende bleibt:
Die Gefahrenzone beginnt früher.
Sie beginnt dort, wo große Marktteilnehmer anfangen, die Wahrscheinlichkeit eines solchen Moves ernsthaft zu handeln.
Und genau das sehen wir jetzt.

 

Die wichtigste Veränderung findet vor dem eigentlichen Unwind statt

  • Viele warten beim Carry-Trade auf das große sichtbare Ereignis.
  • Aktien fallen.
  • Treasuries werden verkauft.
  • Volatilität explodiert.
  • Margin Calls laufen.
  • Dann heißt es anschließend: Jetzt wird der Yen Carry-Trade abgewickelt.

Das ist zu spät gedacht.
Der Carry-Trade beginnt nicht mit dem Verkauf des letzten Assets.
Er beginnt zu kippen, wenn sich die Erwartung gegenüber seiner Finanzierungswährung verändert.
Genau deshalb ist die Bewegung seit dem 9. September so interessant.
Die ersten Spekulanten beginnen nicht damit, hektisch amerikanische Vermögenswerte auf den Markt zu werfen.

  • Sie beginnen eine Stufe vorher.
  • Sie kaufen Yen.
  • Damit greifen sie das Fundament an.
  • Denn jeder neue Yen-Long verschlechtert die Rechnung des alten Yen-Shorts.
  • Jeder stärkere Yen erhöht den Druck auf bestehende Carry-Positionen.
  • Jeder geschlossene Carry-Trade erzeugt zusätzlichen Yen-Kauf.
  • Und jeder zusätzliche Yen-Kauf macht den nächsten Short etwas unangenehmer.
  • Das ist die Reflexivität, über die wir seit Monaten schreiben.

 

Wenn freiwilliges Verkaufen aufhört

  • Noch ist ein großer Teil dieser Bewegung freiwillig.
  • Fonds reduzieren Risiko.
  • Positionierungen werden angepasst.
  • Optionen werden gekauft.
  • Hedges werden aufgebaut.
  • Aber das eigentliche Risiko beginnt dort, wo der Markt nicht mehr freiwillig handelt.

Es beginnt dort, wo er nicht mehr entscheiden darf.

  • Wer Yen geliehen hat und damit außerhalb Japans Vermögenswerte gekauft hat, braucht für die Rückzahlung irgendwann wieder Yen.
  • Steigt der Yen schnell genug, wird die Rechnung brutal simpel.
  • Die Fremdwährungsposition muss reduziert werden.
  • Das Asset wird verkauft.
  • Der Dollar oder die entsprechende Fremdwährung wird zurückgetauscht.
  • Yen werden gekauft.
  • Der Yen steigt weiter.
  • Weitere Positionen erreichen ihre Schmerzgrenze.
  • Weitere Assets werden verkauft.
  • Weitere Yen werden gekauft.
  • Irgendwann verkauft ein Teil des Marktes nicht mehr, weil er glaubt, dass Verkaufen eine gute Idee ist.
  • Er verkauft, weil er muss.
  • Ab diesem Punkt ist der Yen kein japanisches Währungsthema mehr.
  • Dann wird er zu einem globalen Liquiditätsthema.

 

Der Markt hat die Unsicherheit verstanden

Genau deshalb war die Intervention Anfang September wichtiger, als sie auf den ersten Blick aussah. Wer nur USDJPY betrachtet hat, konnte sich die Bewegung bequem mit Dollarschwäche erklären. Das war die falsche Fährte. Deshalb hatten wir SGDJPY daneben gelegt.

Der USDJPY zeigt, wo alle hinschauen sollten. Der SGDJPY zeigt, wer tatsächlich handelt.

  • Im SGDJPY gibt es keinen Dollar.
  • Der gemeinsame Nenner war der Yen.
  • Die allgemeine Dollarschwäche hat diese Bewegung verstärkt. Sie war aber nicht ihr Ursprung.
  • Die BOJ musste deshalb auch nicht permanent zweistellige Milliardenbeträge auf den Markt werfen.
  • Ein Rate Check kann ausreichen.
  • Ein anderer Account kann ausreichen.
  • Ein Schlag an der richtigen technischen Marke kann ausreichen.
  • Denn die eigentliche Waffe ist inzwischen nicht mehr nur das Kapital der Zentralbank.

Es ist die Unsicherheit darüber, wann dieses Kapital eingesetzt wird. Wer auf mehreren Milliarden oder sogar zig Milliarden Yen-Short sitzt, kann nicht einfach abwarten, bis ihm Tokio offiziell mitteilt, was als Nächstes passiert. Er muss vorher reagieren.

Und genau deshalb war unser Satz entscheidend:
Denn sobald der Markt beginnt, Yen zu kaufen, weil er Angst davor hat, dass die BOJ Yen kaufen wird, arbeitet er für die BOJ.
Jetzt kommt die nächste Stufe.

Der Markt kauft Yen nicht mehr ausschließlich aus Angst vor der BOJ.
Ein Teil beginnt Yen zu kaufen, weil er glaubt, dass der Yen selbst steigen wird.
Das ist ein fundamentaler Unterschied.

 

Die Zinsdifferenz arbeitet nicht mehr nur für die Spekulanten

  • Über Jahrzehnte war die Rechnung für Japan einfach katastrophal.
  • Die USA boten Rendite.
  • Japan bot Finanzierung.
  • Das globale Kapital nahm beides dankbar an.
  • Jetzt bewegen sich beide Seiten der Gleichung.
  • Japanische Renditen steigen.
  • Die Erwartung weiterer BoJ-Zinsschritte steigt.
  • Gleichzeitig können die USA ihren eigenen Zinsvorsprung nicht beliebig ausweiten.
  • Denn Washington sitzt inzwischen in einer völlig anderen Schuldenstruktur als noch vor vielen Jahren.

Rund 22 Prozent der ausstehenden US-Staatsschulden liegen im kurzfristigen Bereich. Monat für Monat müssen enorme Volumina kurzfristiger Papiere neu finanziert werden.
Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einer 30-jährigen Anleihe und einem T-Bill.
Bei der langen Anleihe steht der Kupon.

Das kurzfristige Papier muss permanent gerollt werden. Damit schlagen höhere Zinsen sehr schnell auf die Finanzierungskosten des Staates durch.
Das kurzfristige Papier muss permanent gerollt werden. Damit schlagen höhere Zinsen sehr schnell auf die Finanzierungskosten des Staates durch.

  • Die Fed kann also nicht einfach sagen:
  • Dann erhöhen wir eben die Zinsen weiter, bis der Renditevorteil gegenüber Japan wieder groß genug ist.
  • Diese Freiheit existiert nur auf dem Papier.
  • Genau deshalb ist die Entwicklung in Japan für Washington so unangenehm.
  • Die BOJ kann den Carry-Trade beschädigen, ohne dass die Fed diesen Schaden problemlos über eine größere Zinsdifferenz neutralisieren könnte.

 

Japanisches Geld muss nicht mehr zwingend ins Ausland

Noch wichtiger wird die Entwicklung am langen Ende der japanischen Zinskurve.
Japanische Staatsanleihen liefern erstmals seit Jahrzehnten wieder Renditen, über die institutionelles Kapital überhaupt ernsthaft nachdenken muss.
Damit verändert sich die Kapitalarithmetik japanischer Versicherer, Pensionsfonds, Banken und Unternehmen.

  • Über Jahrzehnte lautete die Frage:
  • Wo außerhalb Japans bekommen wir überhaupt noch Rendite?

    Jetzt lautet sie zunehmend:

  • Warum müssen wir dafür weiterhin Währungsrisiko im Ausland tragen?
  • Das klingt nach einer kleinen Änderung.
  • Es ist keine.
  • Japan gehört zu den wichtigsten Kapitalexporteuren der Welt.
  • Japanische Anleger halten riesige Bestände an US-Treasuries und anderen ausländischen Vermögenswerten.
  • Schon eine marginale Veränderung der Allokation kann deshalb enorme Auswirkungen haben.
  • Es geht nicht darum, dass Japan morgen seine gesamten US-Staatsanleihen verkauft.
  • Das war nie unsere These.
  • Es reicht, wenn neues Geld nicht mehr im gleichen Umfang in die USA fließt.
  • Es reicht, wenn Währungsabsicherungen steigen.
  • Es reicht, wenn bei Fälligkeit ein größerer Teil des Kapitals nach Japan zurückkehrt.
  • Und es reicht, wenn institutionelle Investoren anfangen, die Rechnung neu zu machen.

 

Die 4-Billionen-Dollar-Frage bleibt

Beim Volumen des Yen Carry-Trades kursieren seit Jahren völlig unterschiedliche Zahlen. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Definitionsfrage. Wer lediglich den engeren spekulativen Kern betrachtet, kommt auf einige hundert Milliarden Dollar.

JPMorgan hat den größeren systemischen Zusammenhang auf etwa 4 Billionen Dollar eingeordnet.

  • Das ist die Größenordnung, die uns interessiert.
  • Nicht weil jeder Dollar davon morgen liquidiert werden müsste.
  • Sondern weil das globale System aus wesentlich mehr besteht als sichtbaren Hedgefonds-Positionen.
  • Yen-Funding läuft über Spot, Forwards und Swaps.
  • Es steckt in institutionellen Allokationen.
  • Es steckt in Unternehmensfinanzierung.
  • Es steckt in Anleihen.
  • Es steckt in Aktien.
  • Es steckt in Strukturen, die jahrelang funktioniert haben, weil eine Prämisse fast unangreifbar erschien:
  • Japan bleibt billig.

Genau diese Prämisse beginnt zu sterben.
Und dann kommen die US-Treasuries.
An diesem Punkt schließt sich der Kreis zu unserem Artikel vom Mai.
Damals hatten wir geschrieben, dass USDJPY nicht deshalb die wichtigste Zahl der Welt ist, weil wir uns plötzlich für einen Devisenchart begeistern.
Der Yen ist das Thermometer.
Das eigentliche Problem sitzt dahinter.
Wenn japanisches Kapital zurückkehrt, müssen ausländische Positionen reduziert oder zumindest weniger stark aufgebaut werden.
Wenn Carry-Trades geschlossen werden, müssen die Assets verkauft werden, die mit dem geliehenen Geld gekauft wurden.

  • Treasuries gehören dazu.
  • Aktien gehören dazu.
  • Unternehmensanleihen gehören dazu.
  • Andere Risikoassets gehören dazu.
  • Und ausgerechnet der amerikanische Anleihemarkt kann zusätzlichen Verkaufsdruck derzeit besonders schlecht gebrauchen.

Washington muss ohnehin gewaltige Mengen neuer Schulden am Markt unterbringen.
Gleichzeitig versucht das Finanzministerium, die Renditen unter Kontrolle zu halten.
Wenn japanische Anleger weniger Treasuries kaufen oder sogar Bestände reduzieren, trifft zusätzliches Angebot auf einen Markt, der bereits mit massivem Neuangebot umgehen muss.

Die Konsequenz ist banal. Die Renditen müssen steigen, bis jemand bereit ist zu kaufen. Und steigende Treasury-Renditen sind kein isoliertes Bondproblem.
Sie sind der Preis des Geldes für das gesamte amerikanische System.

  • Unternehmensfinanzierung.
  • Hypotheken.
  • Private Kredite.
  • Aktienbewertungen.
  • Staatsfinanzierung.
  • Genau deshalb wird aus einer Bewegung im Yen irgendwann eine Bewegung in nahezu jedem relevanten Asset.

 

Der Unterschied zu früher

Carry-Trade-Warnungen gab es oft. Yen-Interventionen gab es ebenfalls oft.

Und genau deshalb ist die reflexhafte Reaktion vieler Marktteilnehmer verständlich:

  • Das hatten wir doch schon: Nein.
  • Nicht in dieser Kombination.
  • Frühere Interventionen liefen gegen eine funktionierende fundamentale Maschine.
  • Japan prügelt den Yen nach oben.
  • Die Spekulanten wurden ausgestoppt.
  • Der Markt beruhigte sich.
  • Dann kam die alte Rechnung zurück.
  • Japanische Zinsen waren nahe null.
  • Der Zinsvorteil im Ausland war gewaltig.
  • Der Yen begann erneut zu fallen.
  • Also wurde derselbe Trade wieder aufgebaut.
  • Diesmal verändert sich die Maschine selbst.
  • Die japanischen Zinsen steigen.
  • Die heimischen Renditen steigen.
  • Die Zinsdifferenz schrumpft.
  • Die BOJ greift in den Devisenmarkt ein.
  • Die Intervention wird absichtlich schwerer lesbar.
  • Der Yen steigt.
  • Und jetzt beginnen die ersten Hedgefonds sogar aktiv auf einen stärkeren Yen zu setzen.
  • Das ist der Unterschied.
  • Der Markt kehrt nicht einfach nur aus dem Yen-Short zurück. Er beginnt die Gegenseite zu handeln.

 

Von 153 über 142 bis 140

Kurzfristig lag der Fokus auf USDJPY 155.
Dort beginnt nach der JPMorgan-Rechnung die Zone, in der Short-Eindeckungen deutlich an Dynamik gewinnen können.
Am 9. September steht USDJPY bereits bei 153.
Die 155 ist damit keine Warnmarke mehr.
Sie liegt hinter uns.

Darunter wird 142 bis 146 interessant.
Und dahinter steht weiterhin unsere 140.
Wir ändern deshalb unsere These vom Mai nicht.
Im Gegenteil.
Der Markt bewegt sich auf sie zu.

  • 140 war nie der Punkt, an dem plötzlich irgendein Schalter umgelegt wird.
  • 140 war die systemische Marke, an der sichtbar wird, wie weit die Umkehr des jahrelangen Yen-Regimes bereits fortgeschritten ist.
  • Die Gefahrenzone beginnt weit vorher.
  • Sie beginnt bei der Veränderung der Positionierung.
  • Genau deshalb ist der 9. September so interessant.
  • Denn jetzt sehen wir die Veränderung.

 

Die Bank of Japan wirkt

  • Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr:
  • Kann Japan den Yen mit seinen Devisenreserven dauerhaft nach oben kaufen?
  • Das war schon immer die falsche Frage.
  • Natürlich sind Reserven endlich.
  • Natürlich kann eine Zentralbank nicht auf Dauer gegen einen fundamental überlegenen Markt kämpfen.
  • Aber genau deshalb verändert Japan die Fundamentaldaten.
  • Und genau deshalb verändert Japan die Psychologie.
  • Steigende Zinsen verändern die Finanzierung.
  • Steigende heimische Renditen verändern die Kapitalallokation.
  • Interventionen verändern die kurzfristige Risikowahrnehmung.
  • Rate Checks verändern die Unsicherheit.
  • Ein steigender Yen verändert die P&L der Spekulanten.
  • Und sobald die ersten großen Adressen anfangen, diese Bewegung selbst zu kaufen, verändert sich die Marktmechanik.
  • Die BOJ muss dann nicht mehr jeden Yen kaufen.
  • Sie muss nicht jeden Short aus dem Markt schießen.
  • Sie muss nur den Punkt erreichen, an dem genügend Marktteilnehmer verstehen, dass es gefährlicher geworden ist, gegen den Yen zu stehen, als mit ihm.
  • Diesen Punkt nähern wir uns nicht mehr theoretisch.
  • Die ersten Fonds haben begonnen zu drehen.

 

Kippt der Yen Carry-Trade?

Noch nicht vollständig. Das ist auch nicht notwendig. Der größte Fehler wäre, auf irgendeinen offiziellen Moment zu warten, an dem jemand verkündet:
Der Yen Carry-Trade ist jetzt beendet.
So funktionieren Märkte nicht. Ein jahrzehntelang aufgebautes Finanzierungssystem kippt nicht mit einer Pressemitteilung. Es kippt an den Rändern.

  • Dann verändert sich die Positionierung.
  • Dann verändert sich das Hedging.
  • Dann verändern sich die Kapitalströme.
  • Dann erreicht der Markt technische Schmerzgrenzen.
  • Dann beginnen Zwangskäufe.
  • Und irgendwann sehen alle im Chart, was große Adressen längst vorher gehandelt haben.

    Wir haben im Mai geschrieben:
    Die wichtigste Zahl der Welt ist USDJPY 140.

Wir haben am 4. September geschrieben:
Denn sobald der Markt beginnt, Yen zu kaufen, weil er Angst davor hat, dass die BOJ Yen kaufen wird, arbeitet er für die BOJ.

Am 9. September sehen wir die nächste Stufe.
Die ersten Hedgefonds kaufen den Yen nicht mehr nur deshalb, weil sie Angst vor der BOJ haben.
Sie kaufen ihn, weil sie anfangen zu glauben, dass die BOJ gewinnen könnte.
Genau das ist der Moment, den man beim größten Carry-Trade der Welt nicht unterschätzen sollte.

Denn wenn diese Überzeugung sich verbreitet, muss Japan den Carry-Trade nicht mehr selbst beenden.
Dann beginnt der Carry-Trade, sich selbst abzuwickeln.

 

Und am Ende sitzen plötzlich zwei im selben Boot

Und dann bleibt noch eine letzte, bemerkenswerte Konstellation.
Die einzige Treasuries-Halterin der Welt, für die USDJPY kein Problem darstellt, ist die BOJ.

Für einen normalen japanischen Investor verändert ein stärkerer Yen die Rechnung seiner Dollar-Anlagen unmittelbar. Währungsabsicherung, Rückführung, relativer Ertrag – all das spielt plötzlich eine andere Rolle.

Die BOJ sitzt nicht in derselben Logik.
Und jetzt wird es interessant.

Washington braucht einen funktionierenden Treasury-Markt.
Japan braucht einen stärkeren Yen.
Ein stärkerer Yen beschädigt den Carry-Trade.
Ein beschädigter Carry-Trade zwingt den Markt irgendwann zum Rückkauf von Yen.
Und je stärker dieser Mechanismus wird, desto weniger muss die BOJ selbst tun.

Welch ein Zufall, dass BOJ und US-Treasury ausgerechnet jetzt plötzlich im selben Boot sitzen.

Tokio braucht die Yen-Stärke.
Washington braucht einen Anleihemarkt, der nicht außer Kontrolle gerät.Und beide Interessen treffen sich ausgerechnet an jener Achse, die wir seit Monaten beobachten: USDJPY.

Ob das lediglich eine bemerkenswert passende Konstellation ist oder ob beide Seiten sehr genau wissen, wie gut ihre Interessen inzwischen zusammenpassen, können wir offiziell als These stehen lassen.

An der Mechanik ändert das nichts.
Die BOJ muss den Carry-Trade nicht mit Gewalt sprengen.
Sie muss nur dafür sorgen, dass der Markt erkennt, dass die alte Rechnung nicht mehr funktioniert.

Genau das beginnt er gerade zu tun.

 

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