Der souveräne Margin Call
Es gibt eine Szene, die sich in Finanzkrisen immer wiederholt.
Sie findet nicht auf den Bildschirmen privater Anleger statt. Sie findet nicht in Talkshows statt. Sie findet auch nicht dort statt, wo später die einfachen Erklärungen geliefert werden. Sie findet in den Handelsräumen von Zentralbanken statt, in Krisenstäben von Finanzministerien, in nächtlichen Telefonaten zwischen Notenbankern, Regierungen, Großbanken und internationalen Institutionen.
Ein Land hat ein Problem.
Der Ölpreis ist plötzlich gestiegen. Die eigene Währung fällt. Die Importrechnungen explodieren. Es werden Dollar gebraucht. Sofort! Heute! Nicht in drei Wochen, nicht nach der nächsten Sitzung, nicht nach einer geordneten Refinanzierung.
Ein Energiepreisschock, ausgelöst durch Ereignisse tausende Kilometer entfernt, hat eine Liquiditätskrise ausgelöst. Und diese Krise lässt sich nicht mit langfristiger Planung lösen. Sie muss jetzt gelöst werden.
In diesem Moment steht der Finanzminister oder der Notenbankchef vor einer einzigen Frage:
Was kann ich verkaufen, das sofort, überall und ohne großen Abschlag in Dollar umgewandelt werden kann?
Was ist das liquideste Asset, das ich habe?
Die Antwort lautet: Gold.
Gold ist ein Reserveasset, das in der dunkelsten Stunde ohne Erlaubnis, ohne Intermediär und ohne politische Gegenpartei mobilisiert werden kann. CV